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Sozialer Kampf
Liebe Wählerinnen, liebe Wähler,
herzlich willkommen auf meinem Wahlkampfblog. In wenigen Wochen findet die Bundestagswahl statt. Bürgerinnen und Bürger sind gefragt, ihre Stimme für Parteien, Politikerinnen und Politiker zu geben. Bei der Entscheidung, welche Partei, welches Programm oder welche Vertreterinnen und Vertreter ihrer Interessen zu unterstützen, begegnen Wählerinnen und Wählern unzählige Inhalte, Botschaften, Sprüche, etc. Dies nennt sich Wahlkampf.Der Wahlkampf wird aber nicht nur „draußen“ geführt – auf den Straßen und Plätzen. Vielmehr erreicht die geradezu betäubende Vielfalt von Farben, Bildern und Aussagen den Einzelnen auch im Internet. Selbst diejenigen Politikerinnen und Politiker, die sich gegen zu viel Anwesenheit des Staates im Internet eingesetzt hatten – zugegeben, in einem anderen Kontext – stellen sich jetzt dort zur Schau. Das Prinzip des Wahlkampfs bleibt allerdings das gleiche: Werben manche Parteien im „realen“ Leben mit einem tiefen Ausschnitt, und hoffen wohl, dadurch einen provokativen Imagewechsel hin zum „Cool(er)en“ zu erzeugen, bemühen sich andere im Internet um diese Art von „Coolness“. So werden z.B. auf Facebook, Twitter oder ähnlichen Seiten zahlreiche Beiträge veröffentlicht, denn schließlich will man sich als „cool“ und im digitalen Zeitalter angekommen präsentieren.
Unabhängig davon, wie der Wahlkampf von manchen im Internet geführt wird, bin ich der Meinung, dass sich die Politik diesem Medium stellen muss. Ich bin neugierig, ob und wie dies funktioniert.
Letztlich war es auch die Neugierde, die dafür verantwortlich zeichnete, dass ich mich entschlossen habe, mich mit 57 Jahren um ein Bundestagsmandat zu bewerben. Zuvor hatte ich 27 Jahre als Richter gearbeitet – zuletzt als Richter am Bundesgerichtshof. Ich wollte die Seiten wechseln – nicht mehr Gesetze anwenden, sondern selbst an ihrer Schaffung beteiligt sein. Als ich in den Bundestag gewählt wurde, kam ich mir zunächst wie ein Ethnologe vor, der ein fremdes Volk besucht. Zwischenzeitlich bin ich in die teilnehmende Beobachtung übergegangen.
Daher wage ich auch dieses Experiment eines Wahlkampfblogs, nicht zuletzt dank der Überzeugungskraft meiner jungen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Sie haben mir verdeutlicht, dass ein Blog eine sehr gute Möglichkeit bietet, mich mit Menschen zusätzlich auszutauschen. Da ich Menschen mag und mich neue Meinungen, Erfahrungen und Schicksale immer interessieren, will ich es nunmehr versuchen. Meine Neugierde auf Menschen und auf bislang nicht gemachte Erfahrungen ist ungebrochen.
In diesem Sinn will ich Sie auch in meinen Wahlkampf einbinden. Ich lade Sie ein, in diesem Web-Tagebuch zu blättern, sich zu informieren und Ihre Kommentare zu veröffentlichen.
Aufgrund meiner Biografie und meiner früheren beruflichen Tätigkeit ist das Thema Gerechtigkeit für mich von größter Bedeutung. Gerechtigkeit, insbesondere soziale Gerechtigkeit, ist der Lebensbereich, für den ich stehe. DIE LINKE ist dabei die einzige Partei, die dieses Thema seriös und glaubhaft aufgreift. Sie ist auch die einzige Partei, die soziale Ungleichheiten nicht nur feststellt, sondern auch nachhaltig bekämpft.
So geht es auch mir darum, gemeinsam mit Ihnen soziale Missstände zu beseitigen und für eine sozial gerechte Zukunft zu kämpfen. Mich interessieren dabei insbesondere Ihre persönlichen Erfahrungen. Sie können mich in meiner Arbeit bestärken und mir politische Schubkraft verleihen.
Zu oft sind es leider Ungerechtigkeiten, die diese Erfahrungen prägen. So ist es zutiefst ungerecht, dass Menschen im Osten nur aufgrund ihrer Geburtsurkunde für die gleiche Arbeit weniger Geld als Menschen aus dem Westen verdienen oder weniger Rente bekommen. Es ist auch ungerecht, dass der Vorstandsvorsitzende des Karstadt-Konzerns Arcandor für sechs Monate Tätigkeit, die in die Insolvenz des Unternehmens führte, sage und schreibe 15 Millionen Euro (80 Tausend Euro pro Tag!) erhält, während Tausende von Menschen ihre berufliche Existenz verlieren. So wird Erfolglosigkeit maßlos vergoldet. Es ist ungerecht, dass die Gesamtheit der Steuerzahler die Zeche für die Spielsucht raffgieriger Manager begleichen soll. All das ist unerträglich. Dagegen muss etwas unternommen werden. Gegen solche Ungerechtigkeiten müssen wir gemeinsam kämpfen.
Um diesen sozialen Kampf erfolgreich führen zu können, benötige ich Ihre Unterstützung. Denn Sie sind es, die diese sozial ungerechte Gegenwart in eine soziale Zukunft verwandeln können. Der soziale Wandel liegt in Ihren Händen. Dazu gehört auch der 27. September.
Als Bundestagsabgeordneter betreue ich den Wahlkreis Cottbus–Spree-Neiße. Ich habe die Probleme der Menschen in dieser Region sehr gut kennen gelernt. Gleichzeitig habe ich erfahren, dass viele Menschen in dieser Region über ihre Lage zutiefst verärgert sind. Meistens auch zurecht.
Sich zu ärgern, macht die Welt, in der wir leben, nicht besser. Deshalb sage ich: Mensch, ärgere Dich nicht! Tu was! Geh wählen!
Lassen Sie uns gemeinsam unseren Ärger über all die Probleme überwinden, indem wir den 27. September nutzen, um ein gutes Wahlergebnis für DIE LINKE zu erzielen. Damit können wir gute Voraussetzungen schaffen, um den sozialen Kampf fortzusetzen, der uns in eine sozial gerechte Gesellschaft führen kann.
Lassen Sie uns außerdem während des Wahlkampfs diese Seite als Meinungsforum nutzen. Ich werde dabei meine Erfahrungen und Eindrücke auf dieser Seite wie in einem Tagebuch darstellen. Zugleich freue ich mich auf Ihre Eindrücke und Erfahrungen, sowie auf anregende Kritik. Lassen Sie uns zusammen die bestehenden Probleme angehen.
Ich lade Sie außerdem herzlich ein, bei Gelegenheit auch mit mir direkt das Gespräch zu suchen. Dazu bieten die Wahlkampfveranstaltungen vor Ort genügend Gelegenheit. Sollten Sie es doch nicht schaffen, können Sie unseren Wahlkampf trotzdem auf diesen Seiten verfolgen und über die vorhandene Kommentarfunktion daran teilnehmen.
Ihr Wolfgang Nešković
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Guten Tag!
Ich führe auch so ein Tagebuch, und es tröstet mich sehr zu sehen, daß auch dieses nicht täglich einen Eintrag hat . . :-)
Ich komme gerade von der Lesung mit Daniela Dahn in der Stadtbibliothek Cottbus und möchte Ihnen zu dieser sehr gelungen Veranstaltung gratulieren. Wie Sie bin auch ich der Meinung, dass es bei der sogenannten Wiedervereinigung und auch heute noch wenig gerecht zuging und zugeht.
Eine Ihrer Bemerkungen hat mich allerdings gestört. Sie war wohl als Kompliment an das interessierte, "mitschreibende" und mitdiskutierende Publikum gedacht. Aber die Bemerkung, dass Sie so etwas aus dem "Westen so nicht kennen", weil es den Menschen im Westen wohl "an Dialektik fehlt" fand ich sehr unangebracht.
Ich komme ursprünglich auch aus dem Westen und bin durch Zufall hier gelandet. Ich habe sowohl im Osten als auch im Westen sowohl interessierte und desinteressierte, intelligente und dumme Menschen kennengelernt. Solche Pauschalisierungen steigern nur die immer noch in den Köpfen vorhandene Ost-West-Trennung, anstatt zu mehr Verständnis und Toleranz anzuregen.
Vielen Dank für die Kritik. Wir kommen beide aus dem Westen und werden uns beide die Fähigkeit zur Dialektik nicht absprechen. Kluge Menschen gibt es ohne Zweifel in Ost und West. Wenn Sie aber sagen, dass die Fähigkeit der Menschen zur Dialektik in Ost und West gleich ausgeprägt sei – pauschalisieren Sie auch.
Was ich in der Veranstaltung sagte, entspricht meinen tatsächlichen Erfahrungen, die ich nicht verleugnen kann und will. Es mag sein, dass eine statistische Untersuchung meine Erfahrung widerlegt. Das ändert jedoch nichts an meinen Erfahrungen. Ich führe dieselben Veranstaltungen in beiden Landesteilen durch. Dabei habe ich festgestellt, dass die politischen Auseinandersetzungen im Osten häufig ein höheres Niveau aufweisen. Die politische Bildung, die Wissbegierde und eben auch die Dialektik sind besser ausgeprägt. Das könnte auch darauf zurückzuführen sein, dass zum Beispiel die Dialektik im Osten lange Zeit Teil der schulischen Bildung war. Im Westen dagegen ist sie abhängig von individueller Begabung und universitärer Bildung. Ich stimme mit Ihnen darin überein, dass das wechselseitige Verständnis für einander gefördert und nicht behindert werden sollte. Dazu gehört dann aber auch, bestehende Unterschiede anzuerkennen.
Vielen Dank für diese erstaunlich schnelle Antwort. Ich bin sehr überrascht, dass ich auf meinen Kommentar so prompt eine Antwort erhalte. Damit hatte ich - bei Ihrem sicherlich vollen Terminkalender - nicht gerechnet.
Wenn Ihre Meinung auf persönlichen Erfahrungen beruht, muss ich dies natürlich akzeptieren. Meine Erfahrungen - ich arbeite in der Erwachsenenbildung - entsprechen den Ihrigen nicht. Es stimmt wohl, dass einige Wenige über die von Ihnen aufgeführte (politische) Bildung, Wissbegierde und Dialektik verfügen. Meist handelt es sich dabei um Erwachsene, die das vierzigste Lebensjahr bereits überschritten haben. Dies könnte natürlich auf die von Ihnen genannten Unterschiede in der schulischen Bildung zurückzuführen sein. Auch die Besucher der Lesung waren ja vorwiegend "ältere Semester". Bei dem Großteil meines Klientels sind diese Fähigkeiten jedoch auch nicht ausgeprägter als bei Menschen aus anderen Teilen Deutschlands.
Es geht mir nicht darum Unterschiede zu ignorieren oder zu verleugnen. Das Bewusstsein, dass es kulturelle Unterschiede gibt, kann die alltägliche Kommunikation und auch das gegenseitige Verständnis erleichtern. Solche Unterschiede finden sich aber nicht nur zwischen Ost und West, sondern durchaus auch zwischen Nord und Süd, zwischen Saarländern und Bayern...
Meiner Ansicht nach ist es für ein Zusammenwachsen verschiedener Kulturen - welche dies auch immer sein mögen - sinnvoller, sich nicht auf Unterschiede zu konzentrieren und diese zu betonen, sondern die Gemeinsamkeiten hervorzuheben. Ein Zusammenwachsen kann beispielsweise durch gemeinsame Projekte und Ziele gefördert werden. In diesem Zusammenhang möchte ich auf die Theorie und die Studien von Sherif verweisen, dem es gelang Intergruppenkonflikte durch die Kooperation bei übergeordneten Zielen zu lösen.
Eine Kategorisierung in "Ossis" und "Wessis" mit entsprechender Zuweisung von Eigenschaften finde ich dagegen nach wie vor kontraprodutiv und vorurteilsfördernd.
Vielen Dank für Ihren erneuten Kommentar. Ich stimme Ihnen zu, dass es nicht sinnvoll ist, dem jeweils Anderen dessen Erfahrungen streitig machen zu wollen. Ich unterstütze auch Ihr Anliegen, eine Kultur des Zusammenwachsens zwischen Ost und West zu fördern. Das ist die Grundlage meiner Kandidatur hier in der Region. Allerdings werden wir ein Zusammenwachsen nur dann erreichen, wenn es uns gelingt, die Ungerechtigkeiten, die mit der Wiedervereinigung zulasten der Menschen im Osten einhergingen, zu beseitigen. Das Buch von Daniela Dahn liefert für diese Ungerechtigkeiten vielfältige Beispiele.