Sie sind hierWahlkampfblog » Weblogs » Wolfgang's blog » Wahlergebnis und Wahlparty
Wahlergebnis und Wahlparty
Liebe Wählerinnen und Wähler,
mit drei Tagen Verspätung melde ich mich nun zurück, um mich für das Vertrauen zu bedanken, das Sie mir am Sonntag aussprachen. Mein später Dank ist darauf zurückzuführen, dass ich mir eine Bronchitis zugezogen habe und noch immer das Bett hüten muss.
Doch nun zu den Ereignissen des 27. September 2009, die ich im Rückblick schildern möchte. Der Wahltag war ein außergewöhnlich sonniger und schöner Sonntag. Mit meinem Team hatte ich beschlossen, diesen Tag nach den Anstrengungen der Wahlkampfzeit vergleichsweise ruhig anzugehen. Das Team traf sich am späten Vormittag, um vor dem Hotel Ostrow im Sonnenschein ausgiebig zu frühstücken. Diejenigen Teile meiner Truppe, die sich den Tag zuvor dem Nachtleben der Stadt anvertrauten, stießen verständlicherweise etwas später zu uns. Während die Menschen überall im Wahlkreis 65 an die Urnen gingen (wir selbst hatten das schon lange zuvor per Briefwahl getan), werteten wir die Erfahrungen der letzten Wochen aus, stellten Spekulationen über den Ausgang der Wahl an und erledigten die Korrespondenz auf meinem Notebook. Wir überlegten auch, wie wir einem gemeinsamen Freund, einem Wissenschaftler aus dem ehemaligen Jugoslawien, dem soziale Not drohte, schnell helfen konnten und leiteten dazu erste Schritte ein. So rückte der Abend näher.
Diesen verbrachten wir gemeinsam mit den linken Kandidaten des Landtages und vielen Genossen und Unterstützern in der Cottbuser "Freizeitoase".
Auf einer Großleinwand verfolgten wir bis spät in die Nacht die Prognosen und Hochrechnungen von ARD und RBB. Noch aktuellere Zahlen konnten wir dem Internet entnehmen. Es gab wohl niemanden auf der Wahlparty, der nicht in höchstem Maße gespannt war, ob sich die Anstrengungen des Wahlkampfes gelohnt haben würden.
Die ersten Zahlen kamen herein. Sie nahmen sich fast zu gut aus, um überhaupt glaubhaft zu sein. Erste Prognosen sahen uns in den Wahlen zum Bundestag bei den Brandenburger Wählern vor der SPD. Noch zweifelnd entschieden wir uns im Saal, diese guten Nachrichten noch nicht für bare Münze zu nehmen. Wir wollten abwarten, bis die Auszählung beendet war. Zwischenzeitlich wurden auch die ersten Ergebnisse für unsere Direktkandidaten bekannt gegeben. Auch hier zwangen wir uns zunächst zur Vorsicht. Denn noch nie hatten Kandidaten der LINKEN in einer Bundestagswahl außerhalb von Berlin Direktmandate errungen. Doch in der Nacht des 27. September wurde dieses Gesetz außer Kraft gesetzt. Die Balken- und Kreisdiagramme auf der großen Leinwand waren eindeutig: In einem Wahlkreis nach dem anderen hatten die Menschen die Kandidaten der LINKEN mit ihrer Erststimme zum Sieg gebracht. Die LINKE holte nicht nur ein Direktmandat außerhalb von Berlin, sondern viele und es wurden immer mehr. (Ganze 16 Direktmandate waren es schließlich bundesweit.) Auch zu meiner Direktkandidatur im Wahlkreis 65 gab es erste Zahlen. Danach führte Herr Reiche (SPD) zu meiner Überraschung nur mit 0,4 % der Erststimmen. Diese Überraschung will ich erläutern: Mein Team und ich hatten in den letzten Wochen für ein gutes Zweitstimmenergebnis gekämpft. Wir wussten, dass Herr Reiche länger in der Region bekannt ist. Er zählt zu den Mitbegründern der Ost-SPD, war zehn Jahre lange Landesvorsitzender der SPD in Brandenburg und lange Zeit dort Bildungsminister. Außerdem überstieg sein Budget für Wahlkampfmittel ganz offenkundig das unsere bei weitem. Im ganzen Wahlkreis hatte die SPD mit vielen tausend Plakaten für ihren Kandidaten geworben. Die örtliche Presse berichtete ausgiebig über seine Aktivitäten, während sie die meinigen weitgehend vor ihren Lesern verschwieg. Kurz vor dem Wahltag verbreitete mein Kontrahent
dann noch eine politische Garantieerklärung an alle Haushalte, mit der er so ziemlich alles versprach, was er während der letzten Wahlperiode nicht gehalten hatte. Schließlich hat er auch bei der letzten Wahl 2005 vor dem linken Kandidaten bei den Erststimmen einen Vorsprung von 10,4 % gehabt, obwohl der linke Kandidat bei den Erststimmen schon erhebliche Zuwächse im Vergleich zur Vorwahl erkämpft hatte.
Es wäre vermessen gewesen, bei dieser Ausgangslage mit einem Direktmandat zu rechnen.
Doch die Menschen haben sich nicht von vordergründiger Reklame beeindrucken lassen, sondern ihre Wahlentscheidung nach politischen Inhalten und nach dem persönlichen Eindruck von den Kandidaten getroffen.
Ab etwa 22.00 Uhr gab Kreiswahlleiter Andre Kaun jedoch Zahlen herein, die das bis dahin Vorgestellte widerlegten. Herrn Reiches kleiner Anfangsvorsprung schmolz schnell dahin, als die Wahlkreise nach und nach ausgezählt wurden. Ich führte bald mit mehreren hundert, dann schon mit über tausend Stimmen und mehr. Schließlich stand das Ergebnis fest: Ich gewann das Direktmandat mit glatten 30 % vor Herrn Reiche mit 27,9 % der Erststimmen.
Um Mitternacht herum gab es dann auch die Zweitstimmenergebnisse der Bundestags- und Landtagswahlen: Mit 29,7 % der Erststimmen und 28,5 % der Zweitstimmen wurde DIE LINKE die stärkste Kraft in den Bundestagswahlen in Brandenburg.
In den Landtagswahlen behauptete sie ihren Platz als zweitstärkste Kraft. Der Polizist Jürgen Maresch holte aus dem Stand das Direktmandat für den Brandenburger Landtag. (Weil er am Morgen arbeiten musste, verabschiedete er sich jedoch schweren Herzens von uns, bevor er dieses Ergebnis sicher erfuhr.) In Schleswig-Holstein schaffte DIE LINKE mühelos den Sprung in den Landtag.
Der ganze Saal jubelte und ich wollte meine Freude und meinen Dank zum Ausdruck bringen, konnte jedoch nicht sprechen. Seit mehreren Tagen war ich erkrankt, schwer heiser und seit Beginn des Wahlabends hatte ich meine Stimme gänzlich verloren. Ich fertigte kurze Notizen an und übergab das Mikrophon meinem Mitarbeiter Mark, der nun meine Stimme sein musste.
In einer kleinen Ansprache übermittelte ich auf diese Weise meine ersten Gedanken: Diese Erfolge gebührten nicht allein den Kandidaten, es wären die Erfolge aller Menschen, die für DIE LINKE im Wahlkreis, in Bund und Ländern hart gekämpft haben. Ihre Arbeit habe großen Erfolg gehabt: In der ganzen Bundesrepublik haben die Menschen entschieden, dass nur eine starke LINKE Garant für einen sozialen Wandel sein kann. Mein Direktmandat sei nicht nur ein Sieg, sondern auch eine Verpflichtung, der ich mich stellen würde. Es sei gut, dass sich die Menschen nicht von Reklame, sondern von Inhalten an den Wahlurnen lenken ließen.
Doch nun sei dieses Ergebnis vor allem eines: der beste Grund, ausgiebig und von Herzen zu feiern. Das fand wohl auch der Wirt der Freizeitoase, der einmal mehr Freibier für alle ausrief.
Ich dachte aber auch, dass die schwarz-gelbe Bundesregierung nun die Politik des sozialen Kahlschlags verschärft fortsetzen würde, der DIE LINKE ihren energischen Widerstand entgegensetzen müsse. Heute würden wir uns zuprosten und uns umarmen, morgen aber schon käme harte Oppositionsarbeit auf uns zu.
- Wolfgang's blog
- Anmelden oder Registrieren um Kommentare zu schreiben





